VUCA Welt: Die neue Realität des CFO

VUCA-Welt: Die neue Realität des CFO

VUCA Welt: Die neue Realität des CFO

Ende Februar schien die Welt noch in Ordnung und die meisten CFOs beschäftigten sich gerade mit den Jahresabschlüssen eines meist erfolgreichen Jahres 2019. Man bereitete sich auf die zu überstehende Hauptversammlung vor oder darauf was man den Eigentümerfamilien ausschütten kann, ohne diese zu verärgern. Die größten Gefahren für die Zukunft schien noch der gerade verkündete „New Green Deal“ der neuen EU-Kommission oder die zunehmend Forderungen zur CO²-Neutralität von Seiten institutionellen Anlegern, sofern man diese zu den Share- oder Stakeholdern zählte. Der Rest; Tagesgeschäft. Selten hatte man eine so lange Zeit in Ruhe vor sich hin wirtschaften können – abgesehen vielleicht von der Automobilindustrie die sich noch mit diversen selbstverschuldeten Skandalen sowie Tesla und Greta beschäftigen muss. Doch dann kam der März mit Corona und der Lockdown. Innerhalb weniger Tage haben zahlreiche CFOs den Preis dafür bezahlt das sie vor fünf Jahren einen TED-Talk eines reichen Philanthropen verpasst, die Investition in eine moderne IT Infrastruktur der Dividenden zuliebe über noch mehr Jahre gestreckt haben und Termine mit dem Risikomanager zu Themen wie Resilienzen, Nachhaltigkeit, oder Risken in den just-in-time Lieferketten gerne als erstes aus dem Terminkalender verschoben, wenn es eng wurde.

Der Stillstand

In den Unternehmen zählt nun vor allem eines: Liquidität sichern und Kosten senken, nach dem Motto „Cash is King“. Es ist die Stunde der Controller. Sie sind Teil jedes internen Krisenstabs und innerhalb weniger Tage habe zahlreiche CFOs in Firmen aller Größen einen sofortige Budget-Freeze oder Ausgabenstopp verhängt. Egal wie man es nennt, es war eine Art Vollbremsung ohne Ankündigung. Alle Aktivitäten zu Neubeschaffung, geplante Projekte und auch solche in der Durchführung, wurden gestoppt. Zum Teil auch die Produktion selbst zum Stillstand gebracht und Mitarbeiter in die Kurzarbeit geschickt. Sinnvoll oder nicht, die Vollbremsung in einem so dichten Netz von Zulieferern, Partnern und Kunden führte unweigerlich dazu, dass auch diesen nichts anderes übrig blieb wie ihrerseits eine Notbremsung hinzulegen, ob Sie wollten oder nicht. Um im Bild des Straßenverkehrs zu bleiben, hat dies zu einem plötzlichen Verkehrsinfarkt geführt, in dem es zu einem nie dagewesenen Stau gekommen ist, in dem die auf Kante optimierten Lieferketten wie Papiergirlanden zerrissen sind. Fast alles steht still, oft fehlt es nur an ein paar Teilen z.B. aus Norditalien oder der Kunde, der etwas termingerecht abnehmen sollte, weigert sich die Lieferung abzuholen und auf das eigene Lager produzieren geht nicht, da es ein solches gar nicht mehr gibt.

Fehlende Reserven

Resilienz, „die psychische Widerstandskraft“ oder „die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen“, nicht vorhanden. Reserven oder auch „Slack“ ein Begriff aus dem Englischen für „Überschuss an [finanziellen] Mitteln eines Unternehmens, der sich in Erfolgszeiten ansammelt und als Reserve für Krisenzeiten dient“, vor allem ein unter Unternehmensberatern beliebter Begriff, wegrationalisiert. Was trotz üppiger Dividenden in den letzten guten Jahren übrig war, wurde in Aktienrückkäufe gesteckt, um den eigenen Aktienkurs zu befeuern. Man kann über die Bundesfinanzminister der letzten 10 Jahre sagen was man will, aber sicher nicht, dass sich nicht konsequent in guten für schwierigere Zeiten vorgesorgt hätten. Wie sonst wären Hilfsprogramme in Billionenhöhe zu finanzieren, nach denen Unternehmen und deren CFO‘s jetzt rufen.
Diese Dinge sind geschehen und es ist sicher sinnvoll darüber zu sprechen wie es dazu kommen konnte, aber eines lässt sich jetzt schon sagen: Kein Fehler ist so schön, dass man ihn zweimal machen sollte. Fast keine Branche, die jetzt nach Hilfsgeldern ruft, fordert nicht im gleichen Atemzug noch Erleichterungen oder Verschiebung von drohenden Umweltauflagen. Dabei ist dies doch die nächste Katastrophe, die auf uns zurollt. Vielleicht nicht in den nächsten Jahren und auch nicht Jahrzenten, aber diesen Fehler haben die Unternehmen doch gerade gemacht, als es um das sichere Auftreten einer weltweiten Pandemie ging. Nur der Zeitpunkt stand eben noch nicht fest und alle tun nun überrascht das die Pandemie tatsächlich stattfindet – wie im erwähnten TED-Talk von Bill Gates ohne Datum angekündigt.

Die VUCA Welt als neue Realität

Aber es geht hier nicht nur um Umweltauflagen. Es geht darum wie Unternehmen sich besser in dieser neuen Realität aufstellen. In einer VUCA Welt. Der Begriff VUCA beziehungsweise VUCA Welt mag nicht jedem bekannt sein und dennoch sind alle in irgendeiner Form davon betroffen: VUCA ist ein Akronym, das sich aus den Anfangsbuchstaben der Worte Volatilität, Unsicherheit, Komplexität (engl. complexity) und Ambivalenz/Ambiguität zusammensetzt. Die Digitalisierung hat gezeigt wie schnell sich Dinge entwickeln und ändern können. Die Globalisierung mit ihren enormen Potenzialen und sicher auch ihrer Notwendigkeit, führt aber zu immer komplexeren Wertschöpfungs- und Absatzketten die ohne Digitalisierung gar nicht möglich wären. Die Klimaerwärmung oder eben die Corona Krise sind sicher ein gutes Beispiel für die Unsicherheit und Ambivalenz in unserer Welt. Es wird immer schwieriger gute Entscheidungen zu treffen und viele CFOs scheinen noch zu zuversichtlich im Bezug auf die aktuelle Krise zu sein. Es ist eine VUCA Welt in der wir leben. In einer Blitzstudie des Internationalen Controller Verein und WHU Controller Panels, unter knapp 500 Finanzvorstände und Controller vom 20. bis zum 23. März, sollten diese die Auswirkungen der Krise auf ihre Unternehmen einschätzen. Die Bilanz der auch im Handelsblatt erschienen Studie: Der Großteil der Befragten geht zum Zeitpunkt der Befragung davon aus, dass ihre Unternehmen in durchschnittlich sechs Wochen in der Lage sein werden, klarere Aussagen über die Zukunft zu treffen. 

Wie CFO’s regieren

20. März, das war aus heutiger Sicht vor sechs Wochen. Doch die meisten Unternehmen wissen noch immer nicht wie sie aus dieser Situation wieder herauskommen können. Die Ambivalenz der vorliegenden Fakten ist noch zu groß. Dabei sind derzeit weniger instabile Lieferketten oder Produktionseinschränkung, sondern vielmehr rückläufige Umsätze das Hauptproblem für die befragten Unternehmen. Diese Umsatzeinbrüche haben sie zum Teil mit ihrer Vollbremsung mitverursacht. Wenn die Unternehmen im Rahmen eines Ausgabenstopps Bestellungen zurückhalten, brechen die Umsätze bei den Lieferanten ein, diese sehen sich wiederum zur Notbremsung auf ihrer Seite gezwungen. Sicher wirkt sich hier am Ende der Kette auch der private Konsum aus, geschlossene Kauf- und Autohäuser verkaufen keine Waren, aber wenn die Lieferketten etwas mehr Resilienz aufweisen würden und die Unternehmen mehr finanzielle Reserven, wären die Einschnitte und auch deren Auswirkungen mit Sicherheit weniger hart für die Unternehmen gewesen.

Wege aus der Krise

Trotz der derzeitigen Ungewissheiten geben sich die Befragten optimistisch. Für eine vollständige Erholung von der Krise und somit eine Rückkehr zur alten Normalität rechnen die befragten CFO’s mit einem durchschnittlichen Zeitraum von 22 Wochen. Alte Normalität, im Juli? Es wird wohl eher eine neue Normalität. Etwa die Hälfte sieht große Möglichkeiten in der Krise und bewertet die Umstellung auf alternative Arbeitsmöglichkeiten wie Home-Office sowie den Ausbau der technologischen Infrastruktur der Unternehmen positiv. Das diese Umstellungen im Juli sicher nicht abgeschlossen sind und der Ausbau von technologischen Infrastrukturen Investitionen benötigt, sollte einem CFO eigentlich klar sein. Insofern überrascht diese Antwort dann doch ein wenig. Erst einmal müssten die finanziellen Mittel zur Umsetzung dieser Maßnahmen, zur Verfügung gestellt werden. Zur Not mit Hilfskrediten. Hier sollten ein guter CFO immer genug Mittel für solche kurzfristigen Maßnahmen haben. Den auch das Beantragen von Hilfen kostet wertvolle Zeit. Damit das in zukünftigen Krisen flexibel funktioniert, wird er um Aufbau von Resilienz und Reserven nicht umhinkommen, auch wenn das den Shareholdern nicht passt.
Hier ist ein generelles Umdenken erforderlich. Die alleinige Fokussierung auf den Shareholder-Value zur Unternehmessteuerung reicht nicht mehr. Denn dabei geraten häufig die Interessen der Stakeholder, also aller am Wirtschaftsprozess Beteiligten, in den Hintergrund. Zu den Anspruchsgruppen zählen nicht nur die Shareholder, sondern auch Arbeitnehmer, Kunden, die Öffentlichkeit, der Staat etc. sie alle gehören zu den Teilhabern mit einem berechtigten Interesse an der Unternehmensentwicklung. Insbesondere dann, wenn Unternehmen in Krisenzeiten wiederholt mit Steuergeldern gerettet werden müssen, obwohl sich beide Seiten, die Unternehmen wie der Staat, eigentlich darüber einig sind das staatliche Beteiligungen an privatwirtschaftlichen Unternehmen nicht erwünscht sind. Man frägt sich zwangsläufig warum tun die CFO’s von Unternehmen in guten Zeiten so wenig dafür, damit sich diese Pattern nicht in jeder Krise wiederholt? Wohlgemerkt in Krisen die mit Ansage kommen und eigenlich ein Bestandteil unserer VUCA Welt sind.

VUCA als Antwort auf VUCA

VUCA als Antwort auf die Herausforderungen der VUCA Welt ein weiteres VUCA-Akronym. Die Buchstaben stehen hier allerdings für die Voraussetzungen, die mitzubringen sind, um sich der VUCA Welt zu stellen: Vision, Understanding, Clarity und Agility. Ein Begriff der im Kontext der Unternehmensführung, in Verbindung mit der zunehmenden Dynamik und dem Chaos, das die Digitalisierung zum Teil verursacht, verwendet wird. Die Halbwertszeit von Kompetenzen und Wettbewerbsvorteilen sinken, Industriegrenzen verschwimmen bzw. Markteintrittsbarrieren fallen und die Technologie verändert die Wertschöpfung rapide. Für viele Unternehmen wird die notwendige digitale Transformation zur existenziellen Herausforderung. So heftig die derzeitige Krise auch sein mag, sie ist am Ende nur eine unter vielen. Wer kann schon abschätzen wie schlimm die Klimaveränderung sich 2050 auf unsere Unternehmen auswirken wird? Ob Naturkatastrophen oder digitale Revolution, wodurch das Unternehmen am Ende in den Ruin getrieben wird ist eigentlich egal. Es braucht eine neue Art der Unternehmensführung: Zusammenarbeit mit viele unterschiedliche Sichtweisen und ein gemeinsames Verständnis, um einen diffusen Zustand besser greifbar und konkreter zu machen. Alte Handlungsmuster funktionieren nicht mehr und Dinge können nicht mal eben wegdelegiert werden. Ein neuer agiler Führungsstil ist gefragt und darin spielt der CFO eine zentrale Rolle. 

Die neue Realität des CFO‘s

Auch wenn die CEOs die Strategie bestimmen und die restlichen CxO’s die fachliche Steuerung verantworten, wenn es um Dinge wie Investitionsentscheidungen, Reserven bilden, Dividenden ausschütten, um frisches Kapital geht oder um die jährliche Budgetverteilung, fällt dem CFO eine zentrale Vermittlerrolle zu. Sie sollten sich aktiv einbringen, wenn es darum geht die Investition im Unternehmen nachhaltig zu gestalten. Auch wenn der Umbau zur CO²-neutralen Unternehmen vor dem Hintergrund sinkender Ölpreise im Moment nur schwer zu vermitteln sein mag, sollte man sich dieser Herausforderung nicht verschließen. Warum nicht aktiv für eine hohe CO²-Besteuerung eintreten, um das Problem des niedrigen Ölpreises auszuhebeln? Kann man damit nicht sogar den einen oder anderen Mitbewerber auf Distanz halten? Wenn die Steuer alle tragen müssen, ist man dann als CO²-neutrales Unternehmen nicht in einer guten Position. Selbst gegenüber Unternehmen die den günstigen Ölpreis für sich auszunutzen wissen. Der „New Green Deal“ könnte doch als Chance dienen wenigstens in Europa einheitliche Umweltstandards zu erreichen und ggf. sogar weltweit. Agile Führung auf Ebene von CFO’s, die wie Finanzminister versuchen die Regeln mit anderer Unternehmen aktiv abzustimmen, damit Wettbewerbsnachteile zwischen unterschiedlich besteuerten und regulierten Märkten erst gar nicht entstehen. Die in guten Zeiten Slack nicht verteufeln, sondern für die nächste Krise vorsorgen? Ein Traum oder die Jobbeschreibung des CFO’s von morgen?